Spuren romanischer

Architektur am Gardasee Pfarrhäuser und mittel-alterliche Kirchen am Gardasee, oft Meisterwerke ländlicher romanischer Ar-chitektur mit Einflüssen aus der Poebene, sind Zeugen der kirchlichen Orga-nisation aus der Langobardenzeit bis ins 13. Jahrhundert. Sie waren Hoch-burgen der Seelenpflege sowie Orte, an denen Taufen durchgeführt und Tote bestattet wurden. Für die lokalen Gemeinden wurden sie nicht nur in religiöser Hinsicht zu Bezugspunkten. Das Netz der Pfarrhäuser bildete sozusagen eine zwei Verwal-tungsebene und erschloss nach dem XI. Jahrhundert bald auch die isolierten und wenig bewohnten Gemeinden am Gardasee, die diversen Bergdörfer am Monte Baldo und auf der Hochebene von Tremosine sowie Aussiedlergemeinden in neu erschlossenen Gebieten. Sie wurden von einem Erzpriester oder von einem Priester bzw. Klerikerkol-legium geleitet, die nach der Kirchenreform im XI. Jahrhundert zum Gemein-schaftsleben verpflichtet waren und die in den größeren Pfarreien richtige Priesterschulen organisierten (scholae sacerdotum). Die Pfarreien hatten in zahlreichen Gemeinden ein verbrieftes Recht auf das Zehnt, doch die Armut der ländlichen Gebiete und die schlechten Ernten konnten es dem Klerus oft nicht ersparen, selbst landwirtschaftlich tätig zu werden. Deshalb wurden einige kirchliche Zentren in architektonischer Hinsicht oft als land-wirtschaftliche Anwesen konzipiert, die wie Großbauernhöfe über Ställe, Lager, Geräteschuppen etc. verfügten, welche auch von nicht kleri-kalen Personen benutzt werden konnten. Und genau dieses enge Verhältnis zwischen der Kirche und den Bewohnern der Gardaseeregion, Bauern, Fischer und Kaufleute, die oft in kleinen Kommunen organisiert waren, mit ihren Taufkirchen war mit ein Grund für den origi-nellen Charakter der romanischen Gebäude. Diese mit großem Mitteleinsatz nur für die Abdeckung des lokalen Bedarfs gebauten und mit Fresken und Verzierungen, die die Hingebung bestmöglich zum Ausdruck bringen sollten, geschmückten Kirchen sind noch heute eine der unverfälschtesten Erinnerungen an das Mittelalter in der Gardaseeregion, die seit jeher  über die Flüsse Po und Mincio  eine wichtige Verbindung mit dem Mittelmeer bildete, und dennoch von Bergen, Feldern und Moränenhü-geln umgeben ist, die die Gegend um den See von den Städten isoliert haben. Hier entstanden Ansiedlungen, die sich von den neuen Städten in der Poebene dadurch unterschieden, dass sie klein oder sogar winzig und zugleich über eine große Fläche verteilt waren, weshalb es viele Tendenzen von Zusammen-schlüssen gegeben hat. Vor der Aufteilung auf die Stadtherrschaften Verona und Brescia sowie auf das Fürstbischoftum Trient hatte das Gardaseegebiet eine eigene Organisati-onsform, die Formen der Raumordnung hervorbrachte, welche auch noch heute im Zeitalter des Massentourismus für das Gebiet typisch sind: ein dichtes Netz an Straßen, Orten und Fremdenverkehrsinfrastrukturen, vor allem an den Seeufern und im dahinter liegenden Umland. Die Pfarrhäuser und romanischen Kirchen sind sehr wertvolle Zeugen dieser geschichtlichen Veränderungen.


Foto: Lagodigardamagazine.com®
Verleger: Acherdo

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